Zustellgeschichte aus Marl

von Franziska Gerk

Hildegard Gerk ist seit 16 Jahren Zeitungszustellerin für das Medienhaus Bauer. Neue Kolleginnen und Kollegen für das gesamte Vest werden noch gesucht.

Für die einen ist es früh am Morgen, für Hildegard Gerk ist es später Abend – sehr spät. Denn wenn sie sich aufmacht, die Tageszeitungen zuzustellen, liegen die meisten Abonnenten in den tiefsten Träumen. Dennoch möchte sie ihren Beruf nicht missen, denn sie ist ein ganz wichtiges Zahnrad in der Medienbranche. Ein Interview über den Berufsalltag einer Zeitungszustellerin.

Frau Gerk, was macht diesen Beruf für Sie zu etwas Besonderen? „Es ist vor allem die Freiheit, die mich am Zeitungszustellen reizt. Ich kann mir meine Arbeitszeit selbst einteilen und so arbeiten, wie ich es möchte. Natürlich muss die Zeitung bis 6 Uhr morgens in den Briefkästen sein – ordentlich und sauber – aber alles Drumherum liegt in meiner Verantwortung. Wo hat man das heute noch? Die meisten Berufe sind durch strenge Arbeitszeiten geprägt, bei denen es acht, manchmal auch mehr Stunden am Tag, stressig zugeht. Für mich ist das Austragen hingegen auch ein bisschen Entspannung. Beim Laufen bekomme ich den Kopf frei und kann über das eine oder andere, was am Tag geschehen ist, nachdenken. Das ist fast schon meditativ (lacht).“

Und Sport treiben Sie ja dabei auch noch irgendwie… „Ja, das kann man schon sagen. So vier bis fünf Kilometer lege ich in der Nacht durchaus zurück. Es gibt Kollegen, die laufen ihre gesamten Bezirke. Die sind dann natürlich wirklich fit. Ich muss für mich aber sagen, dass ich mir das Auto mit meinen Zeitungen vollpacke und dann immer punktuell halte und nur kleine Strecken zu Fuß zurücklege. Da verbrennt man dann doch nicht ganz so viele Kalorien, wie die Kolleginnen und Kollegen, die ihre Arbeit zu Fuß machen oder mit dem Fahrrad zurücklegen.“

Das heißt, man muss gar kein Auto haben, um diesen Beruf auszuführen? „Nein, ein Auto oder ein Führerschein sind keine Pflicht. Natürlich erleichtert das die Arbeit. Aber wir haben auch viele Kolleginnen und Kollegen, die ohne Auto unterwegs sind. Der Vorteil: Man ist flexibler und muss nicht immer die Strecke zum Auto zurücklaufen. Mit dem Rad oder zu Fuß kommen Sie schnell an jede Haustür. Und die Zeitungen können Sie bequem in einer Zeitungskarre oder Fahrradtaschen, die vom Arbeitgeber gestellt werden, transportieren.“

Sie sagten vorhin, die Zeitung muss bis 6 Uhr in den Briefkästen sein. Was gibt es denn sonst noch bei der Zustellung zu beachten? „Die Zeitungen müssen in die Briefkästen gesteckt werden. Das hört sich eigentlich ganz logisch an, aber wer es sich leicht machen möchte und die Zeitung einfach vor die Haustür legt, wird am nächsten Tag wahrscheinlich eine Reklamation vom Kunden bekommen. Denn wer Geld für sein Abo ausgibt, möchte auch dementsprechend ein intaktes und sauberes Produkt erhalten. Das kann man ja verstehen.

Außerdem müssen Sonderwünsche berücksichtig werden. Manche Kunden erhalten die Zeitung nur samstags oder wünschen eine Zustellung beispielsweise hinter den Blendläden oder im Hausflur. Da ist der Abonnent dann König, das muss erfüllt werden.“

Aber wie merken Sie sich bei so vielen Zeitungen die einzelnen Wünsche der Kunden? „Mit der Zeit merkt man sich das. Aber man wird auch jede Nacht daran erinnert, wenn sich etwas ändert. Dann bekommen wir nämlich auf unsere Pakete, die die Bezirksnummern tragen, Mitteilungen vom Vertrieb geschickt – beispielsweise, wenn jemand in den Urlaub geht und die Zeitung für einen bestimmten Zeitraum abbestellt. Dann weiß man, was man beachten muss.“

Das klingt ja alles erst mal sehr gut und unproblematisch. Aber mal Hand aufs Herz: Wie ist das mit der Nachtarbeit wirklich? Das fällt einem doch gar nicht so leicht, oder? „Natürlich ist das eine Umstellung. Daran muss man sich gewöhnen – ganz klar. Aber es ist ja nicht so, dass man am nächsten Tag völlig gerädert und übermüdet ist. Ich schlafe morgens einfach ein wenig länger. Es gibt sogar Kolleginnen und Kollegen, die diesen Job nebenbei machen. Nachts gehen sie arbeiten und morgens sitzen sie im Büro oder stehen in der Werkstatt. Die gehen dann nachts halt einfach ein wenig später los und schlafen vorher. Das klappt auch und es ist für sie ein super Nebenverdienst, bei dem sie nicht noch mehr Freizeit abziehen müssen. Würden sie am Wochenende arbeiten, würde die Zeit wieder vom Familienleben abgezogen.

Für mich persönlich liegt der Vorteil der Nachtarbeit klar auf der Hand: Ich habe den Tag frei für mich zur Verfügung. Und nicht zu vergessen: Nachtarbeit wird noch mal zusätzlich entlohnt.“

Würden Sie also ihren Beruf weiterempfehlen? „Ja sicherlich, sonst würde ich das nicht schon seit 16 Jahren machen. Egal, welche Berufssparte – ob Rentner, Student, Hausfrau oder Angestellte – jeder kann Zeitungszusteller werden.“ 

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