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Blog

Flucht in Zustellglück

  • 17. August 2020

Der Weg von Algerien nach Deutschland war für den 1967 geborenen Algerier Tahar Serir sehr steinig, aber auch lohnenswert.

Herr Serir ist seit April 2019 bei uns beschäftigt, seine Tätigkeit als „Bringer“ umfasst sowohl die Nachlieferung der Ruhr Nachrichten, als auch die Briefabholung. Die Abholung der Briefe bei den  Kunden von Brief und Mehr erfolgt mit dem zur Verfügung gestellten Fahrzeug. Glücklich macht ihn, dass er sowohl in der Logistik als auch in den Fluren des Sozial- als auch Landgerichts ein gern gesehener “Gast“ ist und dieses ihm auch durch die Freundlichkeit der Mitarbeiter bestätigt wird.

Das allein ist allerdings noch keine erzählenswerte Geschichte. Die eigentliche Story begann im Jahr 1993, oder schon weit vor dieser Zeit. Tahar träumte in seiner Heimat Algerien davon nach Boston auszuwandern. Grund dafür war, dass ihm die Möglichkeiten sich frei zu entfalten in der Diktatur seines Heimatlandes eher gering erschienen. Ebenso ist es kaum möglich, finanziell ein gutes Leben zu führen. Sein Onkel hätte ihm die Auswanderung als blinder Passagier auf einem Schiff ermöglichen können. Zu diesem Zeitpunkt hat er jedoch einem Freund den Vortritt gelassen und den Traum auf Eis gelegt. 

Tahar Serir als Seefahrer

Im Jahr 1993 hat Tahar zusammen mit seinem Freund Mansur ein Hin- und Rückflugticket für einen Flug nach Italien gebucht. Diese Auslandreise ist auch von Algerien mit den notwendigen Visa ohne Probleme möglich. Es stand jedoch fest, dass Rückflugticket verfällt.  Nach Ankunft in Rom haben die beiden den Flughafen verlassen. Nach dem Blick links und rechts sagte Tahar zu seinem Freund  „Es gefällt mir hier gar nicht, diese Sprache, aber wir können Französisch. Komm lass uns nach Frankreich gehen.“ Er hat seinem Freund Mut gemacht und über die beiden möglichen Fluchtrouten mit ihm gesprochen. Meine Nachfrage: „Woher weiß man über Fluchtwege von Italien nach Frankreich Bescheid?“ kommt die prompte Antwort, „Das weiß man einfach, jeder Jugendliche in Algerien träumt vom Leben in Europa.“ Der Hauptgrund für diesen Wunsch ist die vorherrschende Korruption und die dadurch verursachte Armut und Perspektivlosigkeit. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist trotz des Reichtums des Landes groß. Algerien gehört zu den reicheren Ländern Afrikas und gilt für afrikanische Flüchtlinge als lohnendes Ziel.

Noch am Ankunftstag wird der Plan zur Weiterreise in die Tat umgesetzt. Der ausgewählte Fluchtweg führt durch einen Eisenbahntunnel.

„Das war unser Schicksal, Gott wollte nicht, dass wir an diesem Tag sterben. Das war krass, wir waren im Tunnel und hatten fast die Hälfte von den 5 Km hinter uns. Es war Sommer, plötzlich fühlte ich in meinem Nacken kalte Luft. Man hat nichts gehört, plötzlich dieses Gefühl wie ein Ventilator. Ich habe mich umgedreht und sah ein Licht das näher kam. Ein Zug! Ich habe zu meinem Kumpel gesagt: Vorsicht, Vorsicht!  Dann haben wir uns mit dem Gesicht zur Tunnelwand wie Katzen an den Steinen festgekrallt.“ Er erzählt mir, wie der Zug an den beiden vorbeirauscht und sie beinahe von dem Sog mitgerissen wurden, es war ein Kampf. Die unglaubliche Erleichterung folgte nach dem Ende des Zuges. Auch an dieser Stelle der Erzählung blitzt der Humor hervor. „Gott sei Dank waren wir schwere Jungs“. Der Weg der Beiden führte der Sonne am Ende des Tunnels entgegen. Die Erzählung beschert mir eine Gänsehaut und ist an dieser Stelle jedoch nicht zu Ende.

Leider wurde die Illusion der Freiheit schnell durch zwei bewaffnete Kripobeamte zu Nichte gemacht. Mansur und Tahar wurden von den Beamten zu Ihrem Grund der Grenzüberschreitung befragt. Die Ausrede, dass die Wanderung ziellos sei, wurde natürlich nicht akzeptiert. So kam es zur Festnahme und dem Transport in Handschellen in die Polizeistation. Unser Mitarbeiter erinnert sich auch heute noch voller Freude daran, dass die Polizisten die Durchsuchung am Tunnel nicht direkt vorgenommen haben. Tahar sagt: „Wären die beiden Polizisten schlauer gewesen, hätten sie uns direkt an Ort und Stelle durchsucht, aber das haben sie nicht.“ Beide Gefangene wurden auf dem Rücksitz des Autos zur Polizeistation transportiert. Die Zeit im Polizeiwagen blieb nicht ungenutzt. Mansur und Tahar versteckten die Ausweise und Visa in den Ritzen der Rückbank. Bei der Befragung im Revier konnten die Beiden guten Gewissens behaupten, keine Papiere zu besitzen. Sie haben sich Namen und Adressen ausgedacht, die Überprüfung dieser Angaben war nicht möglich. Tahar sagt: „Die wussten, wir haben gelogen, aber sie konnten nichts dagegen machen.“ Eine sofortige Ausweisung nach Algerien war nicht möglich, die beiden Freunde wurden zurück an die italienische Grenze gebracht. „Wir überquerten die Grenze zurück nach Italien und warteten auf die Nacht. Es war Zeit für Plan B. Wir sind runter zum Strand und sind fast 2 Kilometer gelaufen.“ Was sich anhört wie ein Spaziergang war so ganz anders. Herr Serir erzählt: „Wir mussten uns bücken und auf Knien laufen, da war eine kleine Mauer, hinter der wir uns versteckt halten mussten. Wir sind über Felsen geklettert und die Wellen kamen, das Ganze über 2 Kilometer, aber wir haben das geschafft. Dann waren wir auf der französischen Seite und haben uns ein Taxi genommen. Wir sind von dem kleinen Dorf, den Namen habe ich vergessen, bis nach Marseille gefahren. In Marseille wohnte ein Cousin von mir, mit dem hatte ich vorab telefoniert, dass er mir helfen muss wenn ich ankomme“. Wie vereinbart wurden die beiden Flüchtlinge vom Cousin ausgelöst und für eine Nacht beherbergt. Tahar war damals sicher, in Frankreich gibt es keine Chance für Asyl. Mit Mansur wurde abgesprochen, dass der Weg nach Deutschland fortgesetzt werden soll. Damals gab es noch keine offenen Grenzen, die einzige Möglichkeit war somit die Reise als Tourist und eine gute Portion Glück.

Die Verwandtschaft in Frankreich wurde um finanzielle Hilfe gebeten. „Wir haben ein bisschen Geld von meiner Familie gesammelt. Ein Kind, heute ein Mann und verheiratet, hat seine Spardose kaputt gemacht und uns das Kleingeld gegeben.“ Der Bitte bei seiner Familie in Frankreich zu bleiben, hat Tahar widersprochen. Er wollte dahin, wo noch niemand aus der Verwandtschaft lebt. Er wollte, wie er sagt, frei und der erste in Deutschland sein. Die Weiterreise sollte mit einem Bus stattfinden, die Verhandlung mit dem Busfahrer gestaltete sich schwierig. Die beiden erzählten, dass sie bestohlen wurden. Sowohl das Gepäck als auch die Papiere wurden entwendet. Der Fahrer ließ Mansur und Tahar mit einer Tüte als Gepäck einsteigen, allerdings mussten sie 4 Plätze bezahlen und die Verantwortung für eine eventuelle Grenzkontrolle übernehmen. 

Tahar und sein Kollege haben sich im Bus möglichst unauffällig verhalten. Entlang der Strecke wurde nach Hinweisen auf den Grenzübertritt nach Deutschland Ausschau gehalten. Beide sprachen zum damaligen Zeitpunkt nicht ein Wort Deutsch. Tahar berichtet: „Dann kam ein Hinweisschild Baden-Baden, ich lese Worte die ich nicht kenne. Ich lese auf französisch und das klappt nicht, das musste deutsch sein. Der Bus stoppte, Kontrolle. Was haben wir gemacht? Ich hatte einen Hut, den habe ich mir ins Gesicht gezogen. Ein Buch habe ich mir auf die Brust gelegt und die Augen geschlossen. Dann kam der deutsche Polizeibeamte und lief am Bus entlang und guckte die Menschen an, beim Busfahrer sagte er: „Fahr los!“. Glück gehabt! Die Fahrt ging dann weiter bis Köln.“ Dort angekommen haben sich die beiden durchgefragt bis zu einem Viertel, in dem viele Ausländer wohnten, nach weiteren Nachfragen konnten sie die Adresse eines Algeriers in Erfahrung bringen. Bei einem Tee und laufendem Fernseher werden Informationen ausgetauscht. Mansur sagt zu Tahar: „Die Sprache ist schwer, lass uns nach Frankreich zurück.“ Sowohl Tahar als auch der andere Algerier beteuern, dass man es schaffen kann. Plötzlich klopft es und die Polizei steht vor der Tür. Der Grund ist den beiden Flüchtlingen in diesem Augenblick unklar. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass es sich um ein Asylheim gehandelt hat. Die Polizei führte die Kontrolle der Ausweispapiere durch. Eine Polizistin sprach etwas französisch und Tahar erklärte ihr, dass sie heute angekommen sind, keine Papiere besitzen und Asyl in Deutschland beantragen wollen. Die beiden wurden ins Präsidium gebracht. Tahar und Mansur wurde in eine Gefängniszelle gesperrt. Tahar erinnert sich: „Die Zelle war für mich unglaublich schön, wie ein 5 Sterne Hotel. Ich habe geschlafen wie ein Baby. Morgens haben die mir einen Kaffee gegeben, für mich war dieser Kaffee ein Traum. Danach kam es zur Vernehmung. Wir haben gelogen. Ich habe erzählt, dass ich auf Grund der Teilnahme an einer Demo für 6 Monate im Knast war. Dann kam der Bürgerkrieg und es drohte eine erneute Inhaftierung. Ich schilderte die gesamte Geschichte unserer Flucht. Allerdings gab ich an, dass wir in Italien bestohlen wurden. Die Papiere und unsere 3 Taschen, alles wäre weg. Die wussten dass wir lügen, aber nur so kann Asyl beantragt werden. Wir kamen auf ein Asylschiff auf dem Rhein. Dort haben wir 2 Monate unserer Zeit verbracht. Ein oder zwei Mal die Woche hatten wir Ausgang für 2 Stunden. Auf einem unserer Spaziergänge kamen wir an einer Pizzeria vorbei. Es hat so lecker gerochen, Mansur sagte, es riecht wie Brot. Wir haben mit Händen und Füßen bestellt. Zum ersten Mal in unserem Leben bekamen wir Essen in einem Karton, verpackt wie ein Geschenk. Es war so lecker und wir dachten, dass Pizza eine deutsche Erfindung ist. Danach haben wir unser gesamtes Geld in Pizza investiert.

Von Köln bekamen wir einen Transfer nach Schöppingen, einem kleinen Dorf im Münsterland. Dort war es schön, 3 Monate habe ich in dem Asylheim nur Sport gemacht, gegessen und geschlafen. Von dort bekamen wir einen weiteren Transfer nach Lünen, hier wurden wir in einem Häuschen für 6 Personen untergebracht.“ Während dieser Zeit im Flüchtlingsheim hat Tahar auch Rassismus erfahren, die Unterkunft wurde mit Molotow-Cocktails beworfen.

Heute erzählt er noch schwärmend vom positivsten Erlebnis in Lünen:  „In Lünen habe ich ein Mädchen kennengelernt, das war so hübsch wie eine Barbie. Ich habe ihr gesagt, hätte ich gewusst, dass es in Deutschland ein Mädchen gibt, das so hübsch ist wie du, wäre ich früher gekommen. Ich habe ein Gemisch aus allen Sprachen genutzt, das Mädchen hat nur gelacht, aber es hat geklappt.“

Und wie es geklappt hat. Christina hat seine Religion und Abstammung nicht weiter beachtet, wichtig war nur die Persönlichkeit von Tahar. Die Familie hat sich mit der Akzeptanz eher schwer getan. Die Mutter hat sämtliche Vorurteile aufgezählt. Serir hat dieses jedoch geschickt umschifft. Er hat seine heutige Schwiegermutter umgarnt und mit seinem Charme für sich gewonnen. Die zehn Jahre jüngere Christina ist mit der Hochzeit zum Islam konvertiert. Unser „Bringer“ ist noch heute glücklich mit Christina verheiratet und hat 3 Jungen und 4 Mädchen auf die er zu Recht stolz ist. Bei allen hat es gut mit der Schule geklappt, seine Frau sei was Schule angeht ein „lieber Diktator“. Heute lebt er zufrieden mit einem Freundes- und Bekanntenkreis der sowohl aus Algeriern als auch aus Deutschen besteht. Der Kontakt zur Familie in der Heimat ist wieder hergestellt; der Vater von Herrn Serir hat die Kinder bei einem Urlaub in Algerien vor seinem Tod kennengelernt und sich in die deutsche Sprache verliebt. Tahar vermisst am meisten das Leben am Meer.

Sein beruflicher Werdegang ist ausgesprochen abwechslungsreich, in seiner Heimat hat Herr Serir eine Ausbildung zum Seemann gemacht. Während seiner Militärzeit hat er das Diplom als Allgemeiner Baggerfahrer erworben (Berechtigung zum Führen von Kränen und Radladern). Beide Ausbildungen wurden trotz der nachgereichten Unterlagen, ebenso wie der Führerschein, nicht anerkannt. Seine erste Arbeitsstelle in Deutschland war die Arbeit als Asbestsanierer. Diese Arbeit hat er für 8 Jahre ausgeübt. Danach war unser Mitarbeiter für eineinhalb Jahre bei Remondis in der Demontage von Röhren-Fernsehern beschäftigt. Hier hat er die Glasscheiben zum Recycling  im Ausland ausgebaut. Danach hat Herr Serir sich als Schrotthändler selbständig gemacht.

Auf Grund von Rückenproblemen hat er Krankheitsbedingt pausieren müssen. Die Zeit hat er genutzt, um sich mit Sport wieder fit zu machen. Auf die ausgeschriebene Stelle von uns ist er durch eine Anzeige aufmerksam geworden. Die Einstellungsgespräche wurden damals telefonisch von Herrn Eggebrecht und persönlich durch Herrn Pötter geführt. Zum 01.04.2019 begann die Einarbeitung, nach 3 Tagen Anleitung durch Thomas Grupe stand fest, dass die Arbeit genau das Richtige ist. „Ich habe meiner Frau gesagt, alle sind nett, Herr Euler als Chef winkt mir, wenn er mich sieht.“ Anfangs war die Aufgabenstellung die Nachlieferung von Zeitungen auf Grund von Reklamationen, inzwischen ist die Abholung von Briefsendungen für Brief und Mehr hinzugekommen. Abschließend sagt „Der Bringer“ Tahar: Ich bin  zufrieden mit der Arbeit und finde es schade, dass ich diesen Job nicht früher gefunden habe.“ Sein Wunsch für die Zukunft ist der, den wir alle haben; Gesundheit.

Name: Tahar Serir
Geboren: 21.02.1967
Ausbildung: 11 Jahre Schulausbildung; Ausbildung zum Seemann, Diplom zum Allgemeinen Baggerfahrer (bei der Armee)
Familie: Verheiratet mit Christina, 7 Kinder im Alter von 7-26 J.
Lieblingsgericht aus der Heimat: Couscous mit Lamm
Lieblingsgericht der Wahlheimat: Rindsrouladen gefüllt mit Hack und deutscher Kartoffelsalat

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