Träume ich oder verteile ich noch?

Merkwürdig, in der Botenmitteilung auf dem schwarzen Monitor mit der grünen Schrift steht doch unmissverständlich, dass die Zeitung zwischen den beiden Zaunpfosten hinter dem Gebäude gesteckt werden soll… Warum hat das denn nicht funktioniert? Ich versuchte den Anrufer zu beruhigen, versprach eine Nachlieferung, tippte den dafür nötigen Befehl in das System ein und der Fall war für mich erledigt. Ich lehnte mich ein Stück in meinem bequemen Stuhl im warmen Büro des Leserservice zurück, ehe ich den nächsten Anruf entgegennahm. Das Leben kann so einfach sein. 

Etwa 4 Monate später, 22:00 Uhr: Normalerweise war dies die Zeit, in der ich mich nach einem anstrengenden Arbeitstag so langsam auf mein Bett freute. Vielleicht noch eine Folge meiner Lieblingsserie King of Queens, aber dann ist auch wirklich Schlafenszeit. Heute jedoch war alles etwas anders. Die Hauptperson der Serie – der Paketzusteller Doug Heffernan – wurde heute durch mich – den Zeitungszusteller Mark Stücher – ersetzt. Vorab jedoch ging es erst in die Druckerei. Immerhin musste ich ja sicherstellen, dass das Produkt, was ich im Nachgang den Kunden vor die Türen, in die Briefkästen, durch die Türschlitze, in die Zeitungsröhren oder zwischen den Zaunpfosten legen werde auch vollständig und vernünftig ist. Am Druckgebäude angekommen, gab es dann eine kleine Rundführung und ich stellte schnell fest, diese Expertise überlasse ich dann doch lieber den Profis, da ich kaum den Überblick behalten konnte. Über mir schwebten die Zeitungen in alle möglichen Richtungen mithilfe eines Laufbands und ich war umgeben von unzähligen Maschinen… Dann plötzlich ein Alarm. Etwas hatte sich in einer der Maschinen verheddert. Nun war mein Moment gekommen. Nicht umsonst habe ich mein Abitur gemacht. Ich begutachtete das Gerät genau, ja studierte es gar. Es sah ziemlich übel aus. Doch ich wusste, was zu tun war: Die Maschine musste entsorgt werden. Sie war unbrauchbar. Das war es dann jetzt leider wohl mit den Ruhr Nachrichten. Plötzlich kam ein älterer Mitarbeiter gelassen auf die problematische Maschine zu und schaute sie sich ebenfalls kurz an. Innerhalb von 10 Sekunden und mit drei kleinen routinemäßigen Handgriffen rettete er die Ruhr Nachrichten, während ich in der Zwischenzeit bereits ein Gedicht im umarmenden Reim über den Untergang meines Verlages, nach dem Muster, wie ich es im Abitur gelernt hatte, verfasst habe. Der Mitarbeiter beruhigte mich und meinte, das mache die Erfahrung. 

Um 2:30 war es dann schließlich so weit. Die Zustellung begann. Kann ja wohl nicht so schwer sein, ein paar Zeitungen loszuwerden. Eine Stunde, dann würde ich sicherlich wieder im Bett liegen. Im Bett lag ich nach den 60 Minuten nicht, geträumt jedoch hatte ich offenbar schon, als ich mir den Job so leicht vorgestellt hatte. Denn, was ich nicht bedacht hatte: nachts ist es dunkel… Und Dortmund ist nicht Paderborn, wo ich bis vor Beginn meiner Ausbildung 21 Jahre lang gelebt habe. Zum Glück war ich während der gesamten Zustellung nicht allein. Sonst stände ich wohl jetzt immer noch vor diesem einen Haus und würde nach den beiden Zaunpfosten hinter dem Gebäude suchen, wo zwischen ich die Zeitung stecken sollte… Um 5:30 Uhr lag ich dann tatsächlich im Bett, während Dortmund so langsam aufsteht und am Frühstückstisch die Ruhr Nachrichten liest.

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